S T R E E T L I F E – Straßenkinder in Afrika

Leben zwischen Angst, Betteln und Klebstoff

Als die Sonne hinter den Hochhäusern Maputos versank, sprang Ermenegildo als letzter aus dem Müllcontainer am Mandelo Market. Die Ausbeute seiner Suche: eine leere Druckerpatrone, ein Comicheft, vergammelte Essensreste und Feuerholz. Ermenegildo war 16 Jahre alt, später würde er die Nacht in einem Pappkarton verbringen. Sein T-Shirt mit dem Bild des Fußballers Ronaldo trug er seit einer Woche. In seiner Unterhose bewahrte er einen abgegriffenen 100 000-Metical-Schein (etwa drei Euro) auf – sein Notkapital. Aber als ich Ermenegildo fragte, wie es ihm geht, sagte er: „Ich bin glücklich.“

Von Roland Brockmann / aus Maputo und Nairobi

Das war 2006 – auf einer Recherchereise unterstützt von der Welthungerhilfe über das Leben von Straßenkindern in Maputo /Mosambik.

Ermenegildo gehörte zur Gruppo Ponto Finale, die auf einer Verkehrsinsel der Avenida Guerra Popular hauste, der „Allee des Bürgerkriegs“. Rund 15 Jungs waren es insgesamt, der jüngste 13, der älteste 19 Jahre alt. Zusammen konnten sie sich besser gegen Eindringlinge zur Wehr setzen – und umgekehrt akzeptierten sie die Reviere der anderen.

Sie gehörten zum Alltag der Stadt, wie die Schuhputzer und Straßenhändler, die zwar auch arm, aber integriert waren und über die lachten, die Müll aßen. Dabei war deren Leben durchaus organisiert. Es kannte Hierarchien, Rituale und feste Orte: eingestürzte Häuser, wo man Alteisen bergen konnte, sichere Nachtstätten oder billige „Container-Kinos“ wo Action-Videos für wenig Geld über einen alten TV-Bildschirm flimmerten.

Und jeden Nachmittag gegen fünf Uhr, nachdem die Anwohner ihren Abfall zum Container getragen hatten, wühlten Ermenegildo und seine Freunde in dem, was andere wegwarfen. Sie sammelten Fischgräten, Reis und Gemüsereste. Alles zusammen schmorte dann abends in einer rostigen Dose über offenem Feuer. Die Hitze tötete immerhin die Keime ab.

Mich überraschten vor allem die klaren Strukturen im Leben auf der Straße. Es glich einem mir verborgenen Netz unterhalb der mir geläufigen Struktur von Läden, Hotels oder Cafés. Einmal stand ich mit Ermenegildo vor einem Geschäft mit Spielzeug, im Schaufenster mit Modellbauflugzeugen spiegelte sich das Gesicht des Jungen – diese Welt war ihm fremd. Ermenegildo und die anderen Jungs spielten „Trumfo“ um Geld, mit abgenutzten Karten, von dessen Rückseite Pin-up Girls lächelten.

Als ich jetzt, fast zehn Jahre später, einen Beitrag für die Kindernothilfe über Straßenkinder in Nairobi drehte, traf ich auf dieselben klaren Regeln. Jede Gruppe kannte feste Schlafplätze, Orte an denen sie gefahrlos abhängen konnten, ohne von der Polizei behelligt zu werden, lukrative Staus vor Ampeln zum Betteln oder ältere Anführer, die früher meist selbst Straßenkind waren, manche sogar auf der Straße geboren.

Dank der Streetworker vom Kwetu Home of Peace fand ich das Vertrauen einer Gruppe im Zentrum Nairobis, besonders das von George und Ben*. Beide acht, halb so alt wie damals Ermenegildo in Maputo, und genauso alt wie mein eigener Sohn.

Mein Job ist es, das Leben zu zeigen, wie es ist. Persönliche Betroffenheit stört dabei eher. Hier aber, schon wegen dem Alter, stellte ich mir plötzlich vor, wie wohl mein eigener Sohn klar kommen würde, von zuhause ausgerissen, sich mit nichts als den Klamotten am Körper irgendwie im Großstadtdschungel durchschlagend. Wie lange würde er durchhalten? Wie schnell würde er sich anpassen, vom Geschlagenen zum Schläger mutieren oder einfach untergehen – wie bald würde er an der Klebstoffflasche hängen, sich als Drogenkurier auf Kinderbeinen verdingen, bettelnd an Autofenster klopfen? So wie jetzt George und Ben. Acht Jahre alt.

Und gab es da je ein Zurück, eine Chance doch noch eine halbwegs normale Kindheit zu erleben? Mit den beiden Jungs George und Ben konnte ich nur in Momenten wirklich reden, allzu oft war ihr Kopf vom Klebstoff umnebelt: Die frühere Kindheit vorm Überlebenskampf verdrängt, übrig nur diffuse Erinnerungen an prügelnde Väter, streitende Eltern, Armut, Ausweglosigkeit. Weit weggesperrt im Kinderkopf. Jetzt galt nur noch das Jetzt. Sich durchsetzen, ein Ziel vor Augen, das aber nicht in einer möglichen Zukunft lag, sondern in Pommes vom nächsten Shop, wärmendem Lagerfeuer an einem verdreckten Flusslauf, Geld für mehr Klebstoff. Sich zusammenrottenden Gleichgesinnten im Schattenreich, wo nur das Gesetz des Stärkeren zählt.

In der rauen Welt der Straßen von Nairobi waren die Jungs mir gleichgestellt, wenn als Gruppe mir nicht überlegen. Ich musste aufpassen, dass man mir nicht meine Ausrüstung klaute. Nicht alle waren dem Fremden mit der Kamera gegenüber wohlwollend. Manchen Dreh musste ich abbrechen. Mit George und Ben kam ich gut klar, manchmal leuchtete plötzlich ihr Gemüt als Kind auf, um gleich darauf wieder abzutauchen: vollgedröhnt auf Bordsteinkanten niedersinkend oder sich mit ausgestreckter Hand durch die Passantenströme entlang der Kenyatta Avenue drängend. Im Schutz der Dunkelheit, denn tagsüber duldete sie die Stadtverwaltung von Nairobi hier nicht.

Und dann traf ich Titus*. Im Schneidersitz auf seinem Etagenbett im Kwetu Home of Peace hockend, erzählte er mir von seiner Vergangenheit als Junge der Straße – einem Leben, kaum anders als das von Ben und George. Aber wie klar Titus alles reflektieren konnte, den Weg dorthin und auch die Gefahren, wieder dort zu landen. Und bis noch vor einem Jahr hatte doch auch er Klebstoff geschnüffelt.

Jetzt trug er eine saubere Schuluniform, hatte Kameraden – im Hof des Zentrums konnte er Fußball spielen. Aber allein das war es nicht, was mich beeindruckte. Hier saß ein Kind vor mir, mit Wünschen und Sehnsüchten, einer gewissen Schüchternheit – so wie Kinder in dem Alter eben sind. Und einem klaren Verstand.

Nicht viele schaffen diesen Sprung. Und man kann sie nicht dazu zwingen. Im Grunde gibt es für jedes Straßenkind auch einen Heimplatz. Daran mangelt es nicht. Doch nur wer wirklich bereit ist, dem gelingt der Ausstieg. Denn da gelten plötzlich Regeln – andere als auf der Straße. Pünktlich aufstehen, Bettenmachen, waschen, Schule, Hausaufgaben. Überzeugungsarbeit reicht da nicht, nur Geduld hilft. Die Sozialarbeiter sind jeden Tag da.

Ben erzählte mir, er überlege noch: Über den Ausstieg, in ein Heim zu ziehen. Aber das früh erlebte Gefühl von Freiheit, und sei es nur frech einen Laternenmast empor zu klettern, überwiegt dann doch zu oft. George war wie verschwunden. Keine Ahnung wohin. Nairobi ist groß, vor allem nachts. Rund 60.000 Straßenkinder leben laut Schätzungen in der ostafrikanischen Metropole.

Und was mag aus Ermenegildo aus Maputo geworden sein? Inzwischen muss er Mitte zwanzig sein, zu alt um noch als Straßenkind durchzugehen. Damals, mit 16, hatte er noch nie ein Mädchen geküsst.

Sex – auch so ein Thema: Einige der älteren Jungs kaufen sich Girls für eine Stunde am Nachmittag, wenn sie Geld haben. Manche Mädchen werden sogar eine Zeitlang in die Straßengang aufgenommen, wenn der Chef es so will.

Man kann nicht ewig Straßenkind bleiben, irgendwann wird man zu alt – und dann Gangster oder man stirbt oder wird Boss einer Gang von anderen Straßenkindern. Und es finden sich auch Paare, Kinder kommen zur Welt, geboren im Dunkel von städtischen Parks in Afrika oder auch wo anders.


* Namen geändert


© Roland Brockmann, 2015 – www.rolandbrockmann.de

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