Die Rückkehrer

Kosovo/Mitrovica

Vom Leben derjenigen, die wir zurückschicken, und wie ein mit deutschen Spendengeldern finanziertes Ausbildungszentrum im Kosovo Jugendliche für den lokalen Arbeitsmarkt qualifiziert

Von Roland Brockmann

Man erkennt sie an den braunen Umschlägen, die sie in Händen halten – darin ihre Abschiebepapiere. Und an den erschöpften Gesichtern, mit denen die rund achtzig Passagiere des Frontex-Flugs aus Frankfurt jetzt in der gläsernen Schiebetür des Gates im grellen Neonlicht auftauchen. Aus ihrer Sicht ganz sicher eine Schleuse in die falsche Richtung, zurück dahin, wo sie doch gerade noch aufgebrochen waren, meist zu Fuß – einer besseren Zukunft entgegen. Viele junge Männer, aber auch Familien.

Draußen vorm Terminal dunkelt es bereits. Im Nieselregen wartet ein Bus, der die Rückkehrer nachhause bringen soll. Wo immer das nun ist. Denn bevor sie sich aufmachten, haben die meisten ihre Wohnungen aufgegeben, letzte Habseligkeiten verkauft – so wie Herr Seferi: All sein Geld habe er an Schleuser gezahlt, erzählt er und von all den Entbehrungen der Flucht, während seine sechsköpfige Familie neben einem Gepäckwägen mit ein paar ramponierten Koffern wartet. Dahinter leuchtet am neugebauten Flughafen das Wort: ANKUNFT. Seiner älteste Tochter, 14, stehen Tränen in den Augen, die ganze Enttäuschung eines Teenagers. Aber irgendwo müssen sie jetzt ja hin. Meist zu Verwandten.

So wie damals auch die Familie von Albert Isufi (32), als sie vor einigen Wochen mit einer Frontex-Maschine in Priština landete und dann erst mal im oberen Stock bei Alberts Bruder strandete; dessen Haus ziemlich verlassen auf einer Anhöhe im Norden des Kosovo steht – solide gebaut, aber bislang eben nur als Rohbau, ohne Bad, Küche, ohne fließendes Wasser. Immerhin, im Ofen brennt ein Feuer, Alberts Ehefrau Liriana (27) bietet Kamillentee an. Ihr Ältester (8) ist noch in der Schule. Dardon (4) und Ibrahim (2) spielen still vor sich hin. Dardon leidet unter Epilepsie. Dass die beiden Kids ein Jahr ihres Lebens in einer Turnhalle von Landshut verbracht haben, – daran werden sie sich wohl bald kaum mehr erinnern.

Alberts Einkommen als Automechaniker, hatte einst gereicht, die Miete für eine kleine Wohnung zu bezahlen, alles schien gut, aber dann verlor er seinen Job, konnte er sich nur noch auf Baustellen verdingen. Tageweise. Als einer von vielen. In einem Land mit einer Arbeitslosigkeit von über sechzig Prozent. Schon vor ihrem Aufbruch bezog die Familie Unterstützung vom Amt. Nichts war mehr gut. Frühjahr 2015. „Damals“, so Liriana, „habe ich diese Frau im Fernsehen gesehen, sie sprach von Arbeit, alle seien willkommen. All meinen Schmuck habe ich daraufhin verkauft, um die weite Reise zu finanzieren.“

Natürlich hat Angela Merkel das so nie gesagt. Aber im Kosovo haben viele ihre Worte so verstanden, als Einladung, befeuert noch von Gerüchten, vermeintlichen Erfolgsgeschichten derjenigen, die bereits losgezogen waren.

Durch das Fenster des Rohbaus kann man bis nach Mitrovica sehen – eine geteilte Stadt, in deren Nordteil überwiegend Serben wohnen. Vor dem Grenzpunkt an der Brücke über den Fluss Ibar parken noch immer gepanzerte Wagen der EU-Polizeimission. Wer mit einem im Südteil zugelassenen Fahrzeug in den Nordteil der Stadt will, montiert vorher besser die Nummernschilder ab. Denn die Serben im Nordteil der Stadt erkennen den Staat Kosovo nicht an. Es gibt faktisch zwei Stadtverwaltungen. Da würde das Kennzeichen der Republik Kosovo nur Ärger heraufbeschwören. Ohnehin kommt es immer wieder es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen.

Der Kosovokrieg endete 1999. Seit letztem Sommer gilt Kosovo als sicheres Herkunftsland, obwohl es bis heute kein Mitglied der UN ist, nicht mal eine eigene Ländervorwahl hat.

„Im Nordteil von Mitrovica war ich noch nie, sagt Sadije Sadiku. „Das ist mir zu gefährlich“. Die Zwanzigjährige wurde in Nördlingen geboren, als Tochter von Kriegsflüchtlingen. Kurz vor der Einschulung von Sadije kehrte die Familie zurück. Freiwillig. Vor allem für Sadije ein ziemlicher Schock. Seitdem wohnt sie mit ihrem Eltern und dem ein Jahr jüngeren Bruder Bajram in einem kleinen Haus am Rande von Mitrovica; mit Holzofen, fließend Wasser, Strom und sogar W-LAN von den Nachbarn. Nur ohne Hoffnung. Der Vater verdingt sich als Tagelöhner, die zuckerkranke Mutter bekommt 57 Euro Rente.

Echte Asylgründe können auch Sadije und Bajram nicht vorbringen. Keiner von ihnen wird verfolgt. Nur was nutzt ihnen die politische Sicherheit, wenn sie keine Arbeit finden? Etwa ein Drittel der Bewohner des Kosovo leben unterhalb der Armutsgrenze. Sadije und ihr Bruder sind typische Migranten des Kosovo: zwischen 20 und 34 Jahre alt, ohne Ausbildung oder Arbeit.

Sadije versuchte es 2013 mit einem Touristenvisum zur Tante in Augsburg. Bajram, ein paar Monate später, 2014, über die grüne Grenze. Beide kamen in Deutschland an, beide beantragten Asyl und beide wurde 2015 zurückgeschickt – in das einfache Haus am Rand der Stadt im Kosovo mit seinen Schotterwegen, mit Holzofen, aber ohne Busanbindung.

Dass Sadije und Bajram nun dennoch Hoffnung verspüren, verdanken sie einem von der Kindernothilfe geförderten Trainingszentrum der Diakonie. Seit Anfang des Jahres machen beide dort eine Ausbildung: Bajram als Installateur, Sadije als Friseurin. Als Rückkehrer mit abgelehntem Asylbescheid ist für beide die Ausbildung umsonst. Das Zentrum will junge Leute für den lokalen Arbeitsmarkt qualifizieren.

„Ich bin sehr froh über diese Chance,“ so Sadije, während sie im Klassenzimmer an Perücken übt. „Schon immer habe ich mich für Make-up und Frisuren interessiert.“

„Komm mach mal so,“ sagt ihre Ausbilderin Drita Januzi, und greift in den Haarschopf der Puppe: „Aufdrehen, und dann lösen, siehst du den Schmetterling?“ – „Ja sehr schön!“ Manchmal reden die beiden plötzlich Deutsch miteinander.

Drita Januzi, 45, war in den Neunzigern als Kriegsflüchtling in Deutschland, zusammen mit ihrem Mann und den Kindern. Und ja, sie hat es inzwischen geschafft, zuhause im Kosovo. Heute hilft sie jungen Leuten wie Sadije. Aber sie kann sich noch gut an ihre eigene Abschiebung erinnern: Sie selbst wäre damals ja freiwillig gegangen, wenn man wenigstens ihrem Mann den Job noch einige Zeit gelassen hätte, damit der aus Deutschland die Familie im Kosovo hätte unterstützen können. „Sein Arbeitgeber, so Drita Januzi, wollte meinen Mann ja gerne weiter beschäftigen. Aber das hat die deutsche Regierung nicht erlaubt.“ Man spürt noch heute eine gewisse Enttäuschung in ihren Worten. Doch dann sagt sie: „Natürlich, Deutschland hat sehr viel für uns getan.“

Tausende Jugendliche hat das Trainingszentrum der Diakonie seit 2002 in Mitrovica ausgebildet. Die meisten fanden im Anschluss Jobs – wenn auch nicht im Sinne einer festen Anstellung nach deutschem Muster. Im Kosovo herrscht Europas höchste Geburtenrate. Jeder zweite Einwohner ist unter 25 Jahre alt. Jedes Jahr werden 40.000 Menschen volljährig und drängen auf den Arbeitsmarkt.

So wie auch Florent Azemi. Der 19-jährige war nie in Deutschland. Vor einem Jahr hat er im Trainingszentrum der Diakonie seinen Abschluss in Elektrotechnik gemacht. Heute ist er dort zu Besuch, um vor der neuen Klasse über seine Erfahrungen zu berichten. Zunächst lobt er die Ausbildung, weil sie so praxisbezogen sei. „Nur vier Tage nach dem Abschluss bekam ich meinen ersten Auftrag, allerdings über meinen Onkel, der auch die nötige Ausrüstung zur Verfügung stellte. Inzwischen kann ich selbständig rund 200 Euro im Monat verdienen – je nach Auftragslage.“

Die Frage, ob er sein Glück später vielleicht auch in Deutschland suchen will, hat er sich bislang gar nicht gestellt. Dabei wäre gerade er dort irgendwann sicher sehr willkommen, wenn er sein Studium abgeschlossen hat, das er sich jetzt noch mit seinen Jobs als Elektriker finanziert. Dank der Ausbildung im Trainingszentrum.

Noch wird vor allem abgeschoben. Zwei, dreimal pro Woche entladen die Frontex-Flieger in diesen Tagen abgelehnte Asylbewerber auf dem Flughafen in Priština. Wartet draußen vorm Terminal ein Bus auf die Rückkehrer.

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Treffpunkt Brücke | AussenGedanken

  2. Ja da freut man sich doch richtig über so ein demokratisches Land ohne Nato-Uranmunitionskontaminierung und den tollen Entwicklungsmöglichkeiten dank Kirchenspendengeldern. Bestimmt wird der Kosovo sehr bald selber Flüchtlinge aufnehmen können.

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