Passierte Tomaten in Corona-Flaschen

KUBA Überall spürt man den Wunsch nach mehr Freiheit und weniger staatlicher Gängelung. Die Menschen wollen sich entfalten. Aber kaum jemand stellt die Leistungen der Revolution in Frage.

Von Roland Brockmann

Geronimo Cabrera ist eine Art Vorreiter der kubanischen Marktwirtschaft. Gerade füllt der Biobauer auf seinem kleinen Berghof „El Paraiso“ passierte Tomaten durch einen Trichter in leere Corona-Flaschen ab.

Seine selbstangebauten Tomaten hat der 71-jährige über offenem Feuer eingekocht, am Ende drückt er mit einer eisernen Hebelmaschine noch gebrauchte Kronkorken auf die Bier-Flaschen. Ein Etikett baucht es nicht, ohnehin liegt die Nachfrage über dem Angebot.

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[Bild: © Roland Brockmann]

Ohne Leute wie den selbständigen Bauern könnten die meisten Kubaner außerhalb der Saison nicht mal Tomatensauce zubereiten. Konservierung – eine echte Herausforderung auf Kuba.

Das Land muss 80 Prozent seiner Nahrungsmittel importieren, seine einst so fruchtbaren Böden sind ausgelaugt durch die jahrzehntelange Monokultur von Zuckerrohr für die Rum-Produktion mit künstlichem Dünger und Pestiziden. Als dann mit dem Zusammenbruch des Ostblocks die Unterstützung durch einstige Bruderstaaten wegbrach, begann auf Kuba die „Periodo especial“ – eine Zeit des Mangels, noch verschärft durch die Handelsblockade der USA.

Doch die ewige Ausrede für die katastrophale Wirtschaftlage will Geronimo so nicht gelten lassen: „Vom Himmel kommen nur Regen und Sonne. Im Leben muss man arbeiten, überall, nur nicht auf Kuba. Hier arbeitet keiner.“

Harsche Kritik an den eigenen Landsleuten; weniger am System, dessen soziale Errungenschaften Geronimo durchaus verteidigt. Auch will er keine plötzlichen Veränderungen, schon gar keine Verwestlichung, sondern ein Miteinander auf Augenhöhe.

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[Bild: © Roland Brockmann]

„Wir müssen respektvoll miteinander umgehen, du hast deine Meinung, ich habe meine,“ kommentiert er den Handschlag von Barack Obama und Raul Castro.

Und trifft damit wohl die Einstellung der meisten Kubaner, auch wenn es Stimmen gibt, wie die von Norma Romero Castillo: „Der Kapitalismus fordert mehr von dir ein, zwingt dich, härter zu arbeiten. Der Sozialismus nicht, da bekommen die Leute vieles auch dann, wenn sie es gar nicht verdienen.“

Die Agraringenieurin arbeitet in Havannas bekanntestem Stadtgarten: Vivero Alamar. Einer Kooperative urbaner Gärtner, die 1997 mit vier Leuten auf 800 Quadratmetern begann, kurz nach Beginn der speziellen Periode. Anfangs wurde nur für den eigenen Bedarf angebaut. Heute bearbeiten hier 150 Leute zehn Hektar. Die von der Welthungerhilfe geförderte Kooperative versorgt nicht nur die Anwohner, sondern liefert ihr Gemüse auch an Hotels. Die Mitglieder verdienen je nach individueller Leistung und Dauer der Zugehörigkeit, aber nicht nach Qualifikation.

„Ich finde,“ so Agraringenieurin Castillo, „die Arbeit eines jeden ist gleich viel wert. Wichtig ist, dass man seine Arbeit spüren kann.“

Es ist dieser Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit verbunden mit Chancen zur eigenen Entfaltung, den man dieser Tage bei den meisten Kubanern spürt. Angst vor einer Invasion westlicher Werte nebst importierter Billigwaren scheint kaum jemand zu haben. „Der Kapitalismus wird sich positiv auswirken“ glaubt Norma Castillo: „Unser System ist ja gefestigt.“

Und auch vom Wunsch nach Reisefreiheit, eines der Hauptmotive der DDR-Bewegung, auf Kuba hört man davon kaum. Auch wenn sich vor allem junge Leute natürlich Erleichterungen erhoffen:

„Ich möchte die Welt kennenlernen, Freundschaften schließen, andere Kulturen erleben,“ sagt Jahnny Yuliet Quintana Pérez. „Das würde mir sehr gefallen.“ Die 23-jährige hat gerade ihr Diplom als Landwirtin geschafft, arbeitet jetzt bei einem privaten Bauern auf der Finca La Maria. Ja, sie kennt Havanna, aber sie mag es hier in der Provinz Pinar del Río. Vermisst sie nicht das turbulente Leben einer Großstadt, Konzerte, Diskos? „Nein, es gibt einen Jugendklub im Dorf, aber ich gehe selten hin.“

Die Mehrheit der kubanischen Jugend lebt auf dem Land; ländliche Regionen sind relativ gut entwickelt, die Versorgungslage ist besser als in den Ballungsräumen. Und das attraktive Mädchen, kein Zweifel, mag ihr Leben zwischen Matsch und Schweinemast.

Auch ihre Sehnsucht zielt auf mehr Selbstbestimmung, aber nicht im Sinne von Mode oder urbanen Lifestyle: „Als selbständige Bäuerin werde ich künftig sicher selbst entscheiden können, was ich anbaue. Ich könnte meinen Ertrag steigern. Das wünsche ich mir jedenfalls, ich möchte selbst entscheiden und für mich wirtschaften. Meine Eltern unterstützen.“

Ihre Erfahrung will Jahnny Pérez weitergeben, mit anderen teilen. Eigenes Wissen als Vorsprung gegenüber Mitbewerbern am Markt – das Urprinzip kapitalistischen Denkens – so denkt man nicht auf Kuba. Noch nicht.

Überall spürt man den Wunsch nach mehr Freiheit und weniger staatlicher Gängelung. Die Menschen wollen sich entfalten. Aber kaum jemand stellt die Leistungen der Revolution in Frage.

„Es wird sich auch nichts ändern, wenn Fidel stirbt,“ glaubt Bauer Geronimo. „Das ist wie mit einem eingepflanzten Baum, der Wurzeln schlägt, wächst und sich immer weiter verwurzelt. Er breitet sich aus mit seinem grünen Dach und wird stark.“

Die Werbestrategen von Coca-Cola & Co werden es nicht so leicht haben, die Kubaner in ihren Bann zu ziehen. Die Kinder der kubanischen Revolution haben durchaus ihren eigenen Willen: Gesundes Essen, Selbstbestimmung und soziale Gerechtigkeit. Gar nicht so anders also als im Westen.

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