Gefesselt am Webstuhl

Dinash und Renuga – zwei Kinderarbeiter aus der südindischen Textilindustrie

Von Roland Brockmann, Karur / Indien

Natürlich fragte ich die Besitzerin der Weberei in der Dinash arbeitete, wieso sie Kinder beschäftigen würde. Dinash war 13. Und auch in Indien gilt allgemeine Schulpflicht zwischen 6 und 14 Jahren. Fand sie es richtig, dass dieser Junge den ganzen Tag an einem ihrer Webstühle stand, statt zur Schule zu gehen?

Erstaunlich war, dass die Frau überhaupt zu einem Interview vor laufender Kamera bereit war, noch erstaunlicher aber ihre Erklärung: sie sei mit Dinashs Mutter befreundet, und habe der Familie einen Gefallen tun wollen.

Nach der Arbeit begleitete ich Dinash nachhause, zu seiner Mutter, die an einer Herzkrankheit litt, nicht arbeiten konnte; der Vater hatte sie vor Jahren verlassen. Der Lohn des Jungen half den beiden über die Runden zu kommen. Etwa acht Euro verdiente Dinash am Webstuhl. Nicht pro Stunde und auch nicht am Tag – die 8 Euro waren sein Wochenlohn.

Und Mutter und Sohn waren tatsächlich dankbar dafür. Die Besitzerin der kleinen Fabrik, beteuerte, nicht mehr bezahlen zu können, sie selbst würde einfach zu wenig von den Händlern für ihre Ware erhalten – Textilien für den Export.

Allein in der südindischen Stadt Karur verdingen sich rund 20.000 Mädchen und Jungen wie Dinash in der Textilindustrie, meist in kleinen Betrieben; der Grund dafür liegt fast immer in häuslicher Armut.

Am nächsten Tag traf ich Renuga. Auch das zwölfjährige Mädchen hatte vorher in einer Textilfabrik gearbeitet. Inzwischen besuchte sie eine von terre des hommes finanzierte Übergangsschule von Psycho Trust, einer lokalen Organisation. In dem Internat sollen ehemalige Kinderarbeiter den Anschluss an das reguläre Schulsystem finden.

„Hier wohne und lerne ich jetzt seit einem Jahr, um später den Anschluss an die normale Schule zu schaffen“, erzählte Renuga selbstbewusst. „Anfangs wollte ich gleich wieder nach Hause. Aber inzwischen fühlte ich mich hier wohl. Ich habe Ziele für meine Zukunft, die ich auch erreichen werde.“

Renuga strahlte eine Zuversicht aus, die Dinash fehlte. Auch weil es für den Filmbetrag spannend war, schlug ich vor, er könne die Schule doch mal anschauen.

Und so empfing Renuga dann Dinash ein paar Tage später am Eingang vom Internat. Ihn gleich an der Hand nehmend führte sie ihn über das Schulgelände, den Spielplatz, in die Schlafräume, bis ins Klassenzimmer. Für Dinash erst mal eine ungewohnte Welt. Die Schüler saßen im Kreis, hier gab es keinen Frontalunterricht, und Dinash erste Unsicherheit löste sich schnell.

Auf dem Weg nachhause erzählte er mir: „Hier lernen Kinder wie ich, sie spielen, genießen das Leben, es gibt Computer. Das alles hat mir gefallen, auch ich möchte lernen. Aber ich weiß nicht, wie das funktionieren soll.“

Dafür müsste die Familie zunächst unabhängig werden vom Lohn des Jungen. Dabei will ihr Psycho Trust helfen.

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