Back to the Roots – der Weg der Adivasi zurück zu ihren Wurzeln

INDIEN: Wildwachsende Nahrung ist die traditionelle Lebensgrundlage der ersten Bewohner des Subkontinents – noch.

Von Roland Brockmann, Orissa /Indien

Seit kurzem gibt es elektrisches Licht, ein kleiner Höhepunkt moderner Zivilisation im Dorf der Adivasi. Aber diesen technischen Fortschritt, den wünschen sich die Dorfbewohner eigentlich gar nicht. Sie wollen vor allem ihren Wald behalten, der immer mehr schrumpft, eben wegen dem Fortschritt, wegen der Bodenschätze, die der Wald birgt.

Für Adivasi wie Kurunji Praska (26) bedeutetWald viel mehr: „Die Wälder sind für uns wie Vater und Mutter. Hier lebt unser Gott. Im Wald finden wir unsere Nahrung: Alles was wir brauchen: Blattgemüse, Beeren und Feuerholz,“ erzählt sie, während wir an uralten Bäumen vorbeilaufen, neben deren Größe wir selbst zu schrumpfen scheinen.

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Man schätzt, dass bis zu 50 Millionen Familien in Indien auf wild wachsende Nahrung zurückgreifen. Lebensmittel, frei von Pestiziden und künstlichen Düngermitteln.

Die Macht des Waldes in Bildern einzufangen indes ist gar nicht so leicht, denn viel ist schon gerodet worden. Und auch das traditionelle Wissen der Adivasi um die Waldfrüchte droht zu verschwinden. „Früher haben sie mehr als 250 Varianten von Lebensmitteln im Wald gesammelt“, erklärt Debjeet Sarangi, von „Livingfarms“, einer lokalen Partnerorganisation der Welthungerhilfe

„Seit Ewigkeiten bestimmt der Wald unser Dasein. Wenn man uns den Wald nimmt, können wir nicht überleben“, sagt Kurunji Praska. Doch auf Bäume zu klettern, um Blätter zu pflücken, empfinden vor allem die jungen Adivasi inzwischen auch als hinterwäldlerisch. „Viele Frauen,“ so Debjeet Sarangi, „tragen ihre Waren aus dem Wald nur noch verschämt zum Markt.“

Livingfarms will diesem Trend gegensteuern. Dazu veranstaltet die Hilfsorganisation zum Beispiel Treffen, auf denen sich Adivasi-Frauen aus den Dörfern der Region über ihre Erfahrungen austauschen. Eine Art Messe der Waldfrüchte.

„Wir klären die Adivasi nicht nur über die reichhaltigen Früchte des Waldes auf, sondern bestärken sie darin, ihre Rechte einzufordern, die den Wald und seine Bewohner schützen und die traditionelle Artenvielfalt auch für nachfolgende Generationen erhält.“ erklärt Sarangi.

Fast neunzig Prozent der Adivasi- Kinder unter 5 Jahren im Projektgebiet sind mangelernährt – auch weil das Wissen um die nahrhaften Waldprodukte verloren geht. Der indische Staat subventioniere vor allem die Verteilung von weißem Reis – erschwinglich, aber wenig nahrhaft. Die Folge ist „Hidden Hunger“ – also ein verdeckter Hunger. Die Kinder hungern zwar nicht im klassischen Sinne, aber ihnen fehlen die fürs Wachstum wichtigen Nährstoffe wie Vitamine, Proteine oder Mineralien.

In Orissa erlebte ich mal wieder den klassischen Konflikt zwischen einer lokalen Bevölkerung ohne starke Lobby mit einer sich immer weiter ausbreitenden Ausbeutung ihres eigenen Landes durch andere. Am Ende verschwindet nicht nur die Vielfalt des Waldes, sondern auch die der Menschen – geopfert dem Ideal wirtschaftlichen Wachstums.

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