Ablass für Europas Erbsünde

Dieser Artikel erschien zuerst am 1. Juni 2007. Er ist also etwas betagt, greift jedoch einige grundsätzliche Fragen zu den Themen „Entwicklungshilfe“ und „Afrika“ auf und dürfte daher auch heute noch interessant sein. Und leider zeigt sich heute auch, dass der Artikel wohl „zeitlos“ ist.

Sobald der Gülden im Becken klingt im huy die Seel im Himmel springt?
Ablassmönch Johann Tetzel

Entwicklungshilfe, nach altem Muster, gleicht einem Flugzeug, das den Hilfeempfänger mit abgeworfenen Geldpaketen die Köpfe einschlägt oder Schokolade für Zuckerkranke, wie es der SPIEGEL anlässlich des vorletzten G8-Gipfels formulierte. Dem Hungernden nach jedem Messsonntag einen Fisch hinzuschmeißen, entlastet das Gewissen, ihm eine Angel zu geben, hilft allerdings nachhaltig. Für die Politik ist es einfach Entwicklungshilfe zu versprechen, oder Entwicklungspartnerschaft, wie es heute euphemistisch heißt.

Was sind die Nebenwirkungen der bitteren Pille Entwicklungshilfe?

Das Gegenteil von gut ist gut gemeint – und das gilt sogar für die „Akuthilfe“ mit Lebensmitteln. Wenn in Dürrezeiten akute regionale Hungersnöte auftauchen, die nicht regional in den Griff zu bekommen sind, ist selbstverständlich externe Nahrungsmittelhilfe angebracht, dies ist die moralische Pflicht der reichen Nationen. Diese seltenen Ausnahmen sind indes rar, die Interessengruppen, die aus Hungersnöten Vorteile ziehen können sind hingegen zahlreich. Die reichen Staaten müssen zum Beispiel ihre hoch subventionierten Agrargüter irgendwie loswerden – Säcke mit Mais und Getreide vor den Kameras der Weltöffentlichkeit über vermeintlichen Hungergebieten abzuwerfen ist natürlich dem Wähler besser zu verkaufen, als Überschüsse zu vernichten. Da gibt es auch noch einen Tross von Medienleuten, denen Bilder von hungernden Kindern für gutes Geld abgekauft werden, während Hintergrundberichte über den „Patienten“ Afrika wie Blei in den Regalen liegen bleiben. Hinter dem Tross der Medienleute zieht der Tross der Hilfsorganisationen, die Medienpräsenz suchen ? ist es doch die öffentliche Aufmerksamkeit, die ihnen Spendengelder beschert. Sie verfahren nach ihrer eigenen Klippschul-Logik, mit der man einen Regenmacher staatlich entlohnen könnte. Wenn es regnet, war dies der Beweis, dass die Hilfe richtig ist, wenn der Regen ausbleibt, ist dies der Beweis, dass mehr Hilfe nötig ist.

Sobald ein „Krisengebiet“ allerdings mit Nahrungsmitteln überschwemmt wird, fängt das eigentliche Problem erst an. Maissäcke landen meist nicht bei den Bedürftigen, sondern auf den Märkten und zerstören so, vor allem in Dürrezeiten, den Markt für heimisches Getreide. Wenn die Nahrungsmittelmengen für die lokalen Märkte zu zahlreich sind, wird dieses Getreide exportiert und konkurriert gegen andere afrikanische Märkte, in denen es keine Dürreperiode gab. Direkte Folge ist es, dass die Preise für heimische Nahrungsmittel implodieren. Gegen „kostenloses“ Getreide, das vom Himmel fällt, können die einheimischen Hirsebauern nicht konkurrieren.
Einen sehr guten Hintergrundbericht hierzu hat Alex Renton verfasst: „How America is betraying the hungry children of Africa

Für die afrikanischen Staaten ist es nicht mal leicht, sich gegen die unfreiwillige Hilfe zu wehren. Wenn die Regierung von Malawi beispielsweise der Meinung ist, eine regionale Dürreperiode aus eigenen Mitteln, mit eigenem Personal und eigenen Hilfslieferungen händeln zu können, so werden derlei Pläne vom weißen Mann schnell überworfen. Wenn Sambia in einer Situation, in der Hilfsorganisationen eine große Katastrophe prognostizieren, die lokalen Experten aber ganz anderer Meinung sind, US-Hilfslieferungen aus überschüßigen Gen-Mais Beständen ablehnt, so löst dies schon mal bei dem US-Botschafter bei der FAO grollende Worte aus: „Führer, die ihrem Volk Nahrung verweigern, sollten wegen schwerster Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Rechenschaft gezogen werden“. Überflüssig zu erwähnen, dass in beiden Fällen die Katastrophenmeldungen der Helfer übertrieben waren und Unmengen von „Hilfsgütern“ auf den Märken die lokale Landwirtschaft schwer schädigten. Im Falle Zimbabwes wird derlei „Hilfe“ sogar von Großbritannien strategisch eingesetzt, um zu belegen, dass Berufsparanoiker Robert Mugabe mit der Enteignung britischer Farmer das Land in den Ruin stürzt. Anlässlich der nimmer endenden „Hilfslieferungen“ ist dies eine selbsterfüllende Prophezeiung – unabhängig davon, dass Mugabe in der Tat zu den schlimmsten Tyrannen gehört.

Hochsubventionierte EU-Exporte spielen auch im normalen Marktgeschehen eine fatale Rolle. Mit vom europäischen Steuerzahler bezahlten Agrarprodukten können einheimische Bauern meist nicht konkurrieren. Eine gesunde afrikanische Wirtschaft krankt bereits an solchen Dingen. Wenn die Märkte in Kamerun mit französischen Schlachtabfällen aus der Hühnerbrustproduktion, die tiefgekühlt containerweise nach Afrika verschifft werden, geflutet werden, kommt einem unweigerlich das Bild von den Abfällen vom Tisch der Reichen in den Sinn. Eine ähnlich fatale Wirkung haben die containerweise nach Afrika verschifften Kleiderhilfen – wie soll sich eine afrikanische Textilindustrie entwickeln können, wenn die lokale Märkte mit westlichen Altkleidern verstopft werden, die fast zum Nulltarif verfügbar sind. Sind diese Probleme ernsthaften Entwicklungshelfern längst bekannt, verschärft sich die Situation der Marktverdrängung einheimischer Produkte durch das chinesische Engagement in Afrika noch weiter. Für kostbare Rohstoffe zahlen die Chinesen gut und machen den Exportländern keine politischen Vorschriften, wie es die Amerikaner und Europäer so gerne tun – das ist natürlich gerne gesehen, erkauft wird dieser Vorteil allerdings durch chinesische Billigimporte, die die lokalen Märkte vollends ruinieren. Afrika ist der Verlierer der Globalisierung und kommt nun sogar unter die Räder der asiatischen Staaten, die von der Globalisierung profitieren.

Der IWF vergibt Kredite, die daran gebunden sind, die lokalen Märkte für die Industrienationen zu öffnen. Durch Konsum von Gütern aus den Industrienationen und die Zinsen für die Kredite fließt so mehr Geld in den Norden zurück als in den Süden floss – eine feine „Hilfe“. Entwicklungshilfe hat jahrzehntelang eine geopolitische Rolle gespielt – afrikanische Potentaten wurden vom Westen mit Unmengen an Geld überhäuft, wenn sie der Sowjetunion die kalte Schulter zeigten und westliche Wehrtechnik kauften. Gelandet sind die Unmengen an Geld daher zu großen Teilen in den Taschen westlicher Rüstungskonzerne – was übrig blieb, füllte schweizer Konten von korrupten Regierungsbeamten und Kleptokraten. Diese Situation hat sich nur in den Ländern verbessert, die keine wertvollen Rohstoffe ihr Eigen nennen. Aber auch dort begeht die Entwicklungshilfe Fehler, die anscheinend systemimmanent sind – Ziel der Entwicklungshilfe ist es eigentlich, sich selbst überflüssig zu machen; nur wer macht sich schon gerne überflüssig?

Technisch komplexe Tiefbrunnen im Sudan, die nur mit viel Know-How zu betreiben sind und mangels passender Schulung der Einheimischen nach wenigen Jahren versiegen; hochmoderne Wasserwerke und Kläranlagen in Lagos – einer Stadt, die zu über 80% nicht an Wasser- oder Abwasserleitungen angeschlossen ist und andere hoch ambitionierte Großprojekte nach westlichen Gusto haben eins gemein: Das Geld fließt in die Industrienationen zurück, schöne Hochglanzbroschüren von der Projektübergabe werden gedruckt und nach kurzer Zeit sind die projektierten Anlagen außer Betrieb, da es an Wartung, qualifizierten Personal, Kapital oder Ersatzteilen fehlt. Das nächste Projekt wartet ja schon. Selbstverständlich gibt es auch positive Projekte, zum Beispiel im Bereich der Wasserversorgung. Da wäre zuallererst das Sodis-Verfahren zu nennen – ein sinnvoller, nahezu kostenloser Ansatz, der nachhaltig wirkt. Beim Sodis-Verfahren wird das Wasser in PET-Flaschen in der Sonne mehrere Stunden erwärmt, was die gefährliche bakterielle Verunreinigung des Wassers eliminiert. Prinzipiell müssen nur die Frauen in den Dörfern geschult werden – im Idealfall von Landsleuten – und das war es. Keine millionenteuren High-Tech Anlagen, keine ambitionierten Großprojekte, kein Wunder, dass dies Organisationen nicht gefällt, die mit so etwas ihr Geld verdienen.

Was sollten die G8-Länder also tun, um Afrika zu helfen? Weitere Milliarden in ein marodes Entwicklungshilfesystem pumpen und an den Symptomen herumdoktern oder versuchen die Ursachen für die chronische Krankheit des schwarzen Kontinents zu beseitigen? Ein fairer Marktzugang, verbunden mit einem Abbau der Subventionen, wäre die erste Hilfe, die wirklich etwas bringen würde. Nur so kann Baumwolle aus Burkina-Faso gegen die Konkurrenz aus Spanien konkurrieren, nur so kann in Gambia eine Erdnussfabrik gewinnbringend gegen die übermächtige US-Konkurrenz bestehen. Bezahlen würden wir diese Hilfe auch – aber nicht über die Entwicklungshilfe sondern an der Supermarktkasse. Das sind wir Afrika aber schuldig.

Zu solchen politischen Schritten wird sich die Weltelite sich aber nie durchringen können – auch beim G8-Gipfel 2015 auf einer englischen Bohrplattform in der Nordsee werden Bono und Geldof wieder mehr Geld für „die Armen“ fordern und alle Politiker mit ernsten Gesichtern eine Aufstockung der Geldmittel versprechen. Afrika mon amour, so bitter es ist, Du bist verloren. Die reichen Nationen werden dich ewig am Tropf halten und durch den Tropf fliesst das Gift, das Dich an ihn fesselt.

Jens Berger

Lesenswerte Artikel: »Geld allein hilft nicht«, Faire Chancen statt Almosen, Wofür das Ganze?
Bildnachweis: 4x privat (CC)

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Danke endlich einmal jemand der die Fakten beim Namen nennt. Darüber sollten die öffentlichen Medien auch einmal berichten, wenn sie über „Armutsflüchtlinge“ berichten. Und damit auch die letzten endlich die Hintergründe verstehen, warum Menschen ihr Leben riskieren und in ein fremdes Land flüchten, wo man sie dann entweder ertrinken lässt, wie kriminelle einsperrt oder bar jeder Menschenwürde leben lässt.

  2. Sind die Basis allen menschlichen Zusammenlebens (die Makroökonomie, insbesondere die Bodenordnung) und die grundlegendste zwischenmenschliche Beziehung (das Geld) fehlerhaft, ist alles fehlerhaft, was das menschliche Zusammenleben im weitesten Sinne betrifft. Angebot und Nachfrage sind nicht im Gleichgewicht, es entstehen Konjunkturen und Krisen, systemische Ungerechtigkeit, der Zwang zur Lüge, Bürger- und Völkerkriege, Umweltverschmutzung und -zerstörung, Terrorismus, Kriminalität, materielle und geistige Massenarmut, Fehlernährung – bis hin zur genetischen Degeneration.

    Was Zivilisation sein soll, findet sich ab Genesis_2,4b als „Paradies“, und die Ursache, warum die Menschheit bis heute nicht zivilisiert ist, unter Genesis_3 als „Erbsünde“ mit genialen archetypischen Bildern und Metaphern exakt umschrieben. Der in „diese Welt“ Hineingeborene hält die Gesellschaft für „normal“ und erkennt die zahlreichen Negativsymptome der „Mutter aller Zivilisationsprobleme“ nicht als deren zwangsläufige Folgen, sondern interpretiert sie als vermeintliche Folgen einer „Boshaftigkeit des Menschen“ – die wiederum durch eine „Moral“ zu verbessern sein müsste.

    Die irrationalen, jedoch vom „Normalbürger“ als „vernünftig“ gedachten Moralvorstellungen bestimmen die Entwicklung von Kulturen über Jahrhunderte und Jahrtausende und führen letztlich dazu, dass die wahre Zivilisation nicht nur allgemein unverstanden bleibt, obwohl sie nach dem tatsächlichen Stand des Wissens längst verwirklicht sein müsste, sondern die „Moral“ von der „etablierten Wissenschaft“ sogar als „entscheidender Vorteil“ des Menschen in der gesamten Evolution angesehen wird.

    Unterstützt wird die „Moral“ von der Religion, deren ursprünglicher Zweck es war, die Erbsünde – solange noch niemand wusste, wie sie zu überwinden ist – aus dem Begriffsvermögen des arbeitenden Volkes auszublenden, damit das, was heute „moderne Zivilisation“ genannt wird, überhaupt entstehen konnte; denn kein vernünftiger – nicht religiös verblendeter – Mensch wäre dazu bereit, in einer a priori fehlerhaften Arbeitsteilung zu arbeiten, wenn er weiß, dass ein nachhaltiges Wirtschaften unmöglich und der nächste Krieg systemnotwendigerweise unvermeidlich ist.

    Damit wurde der Krieg zum „Vater aller Dinge“, was er jedoch nur solange sein konnte, wie es noch keine Atomwaffen gab! Das heißt nun nicht, dass ein „Frieden durch ultimative Abschreckung“ möglich wäre. Um die ganze „moderne Zivilisation“ – von einem Tag auf den anderen – auszulöschen, ist es nicht erforderlich, dass irgendein wahnsinniger Präsident den „roten Knopf“ betätigt – es reicht schon aus, wenn die Menschheit gar nichts macht.

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