Als die Kuh ausrutschte

Im Osten des Kongo graben die Menschen mit Schaufeln nach Erzen wie Koltan, einem begehrten Material für Mobiltelefone und Tablets. Die weltweite Kritik an „Bluthandys“ hat zu Kontrollen und Exportbeschränkungen geführt – aber auch zu Verdiensteinbrüchen der Schürfer.

Von Roland Brockmann

Numbi ist wie Klondike im Kongo – nur ohne Schnee. Dafür gibt es hier Kassiterite und Koltan – ohne die Sie kaum diesen Text lesen könnten; vor allem das seltene Koltan braucht es für die Herstellung von Handys und Tablets – über zwanzig Prozent davon stammen aus der Demokratischen Republik Kongo. Klondike 2.0 also.

Ein aus Brettern zusammengezimmertes Minenkaff auf 2.500 Metern Höhe im Osten des Kongo, Provinz Süd Kivu, in das man es jetzt, während der Regenzeit, selbst mit einem Toyota Landcruiser kaum schafft. Wo ein gegrilltes Huhn 20 US-Dollar kostet, alle Lebensmittel teuer sind, schon weil nichts mehr angebaut wird – lockt die reichere Ernte doch in der Erde.

Numbi: vor zehn Jahren noch beherrscht von Rebellen, inzwischen wieder kontrolliert durch die kongolesisches Armee (FARDC) und erst seit einem halben Jahr selbst ans Mobilfunknetz angeschlossen: zwölf Kirchen, vier Hotels, fünf Bars plus ungezählte Schankstätten von „Ntole“ – dem local brew aus Hirse, Zucker und Teeblättern. Zwischen 6.000 und 8.000 Einwohner – achtzig Prozent davon in den umliegenden Minen tätig. Befriedetes ehemaliges Bürgerkriegsgebiet.

Auf den umliegenden sattgrünen Wiesen grasen schwarz-weiß gefleckte Kühe, ganz wie auf einer deutschen Alm. Die schlammige Hauptstraße konzentriert sich auf Fußgänger in Gummistiefeln und Mopedverkehr, am Dorfende liegt ein holpriger Bolzplatz, von dort führt ein geschlängelter Weg hinaus ins erhoffte Glück, den jetzt auch Audry Bagalwa Bialura, 40, entlang läuft.

Dreißig Minuten Fußmarsch nach Fungamwaka, ein riesiges Loch, von Minenarbeitern ins Grün der Wiese gebuddelt. Männern wie Audry, dem, einst selbst Bauer, im Rebellenkrieg sein Vieh gestohlen wurde und der sich seitdem als Kleinschürfer verdingt. Zunächst auf der Suche nach Gold und nun hier, als unterstes Glied der Ausbeutungs-Kette wertvoller Erze wie Koltan.

Legal, wie in Fungamwaka oder illegal wie in den meisten anderen Minen des Ostkongo, wo fast immer Kleinbergbau ohne Industrialisierung betrieben wird, es daher kaum eine Kontrolle gibt. Stattdessen viele undurchsichtige Machenschaften und Akteure, die sich am Geschäft mit den Mineralkonzentraten bereichern. Vor allem entlegene Minen in den weiten Waldgebieten bilden ein Eldorado für bewaffnete Gruppen, die von den Schürfern Zwangsabgaben eintreiben und sich so finanzieren – auch um sich wieder mit Waffen zu versorgen. Manche Gruppen bestehen nur, um sich so bereichern zu können.

„Aber auch Einheiten der kongolesischen Armee und Regierungsangestellte, die mit der Verwaltung der Minen betraut sind, pressen den Schürfern illegale „Steuern“ ab“, sagt Dr. Sylvia Sergiou, Fachkraft des deutschen Zivilen Friedensdienstes in Bukavu: „Der kongolesische Staat muss seine vorhergesehene Rolle einnehmen, nur dann kann ein gerechter und schließlich friedlicher Abbau der für die lokale Wirtschaft so wichtigen natürlichen Ressourcen ermöglicht werden.“

In Hochzeiten konnten selbst die Schürfer noch gutes Geld verdienen. Doch seit der Boom vom „neuen Gold“ abgeflaut ist, machen viele von ihnen eher Schulden. Das Zinnerz bringt in der Provinzhauptstadt Bukavu pro Kilo aktuell nur noch 5 Euro, Koltan immerhin noch 20 Euro. Audry haust in einem einfachen Bretterbau von Numbi, nicht mal eine Matratze besitzt der Mann:

„Verdient habe ich bislang rein gar nichts. Stattdessen musste ich mir für meine Lizenz als Schürfer, die Miete oder Essen immer wieder Geld vom Boss leihen. Das Leben in Numbi ist teuer und unsere Ausbeute viel zu gering.“

Eine legale Mine wird von einer Kooperative gemanagt. Von ihr pachten Unternehmer Abschnitte zur Ausbeutung – und heuern dann Arbeiter wie Audry an. Der Gewinn wird aufgeteilt. 50 Prozent gehen an den Pächter – den „Boss“.

Die Erze werden wie in alten Goldgräberzeiten mit der Schaufel aus dem Sand gewaschen. Nicht selten kommt es beim Graben zu Erdrutschen. Sicherheitshelme oder -stiefel trägt in Fungamwaka trotzdem keiner. Immerhin ist hier Kinderarbeit verboten. Frauen dürfen nur leichte Tätigkeiten verrichten.

Die staatliche Minenaufsicht SAESSCAM registriert alle Rohstoffe die Fungamwaka verlassen, versiegelt sie in Plastiktüten. Die lokalen Händler indes öffnen die Beutel sofort wieder, um zunächst Schmutz und Eisen, und dann mit einem einfachen Magneten auch das wertvolle Koltan vom Kassiterit zu trennen. Bereits hier hört die Kontrolle natürlich auf, fängt die Grauzone an. Gerne etwa werden über Nacht Rohstoffe aus illegalen Minen in offizielle Minenzonen geschafft.

Die Erze werden wie in alten Goldgräberzeiten mit der Schaufel aus dem Sand gewaschen.

Tatsächlich liefen die Geschäfte aus Sicht vieler Akteure früher ohnehin besser; vor allem vor dem „Dodd-Frank Act“: Das US-Gesetz verbietet amerikanischen Unternehmen seit 2010 Rohstoffe zu verwenden, die dazu dienen, den bewaffneten Konflikt im Kongo zu finanzieren.

„Der Dodd-Frank-Act war gut gemeint“, so Eric Kajemba von Observatoire Gouvernance et Paix (OGP), einer lokalen Partnerorganisation von Misereor: „Am Ende haben die Exportbeschränkungen aber der ganzen Region geschadet, die nun mal von den wertvollen Erzen lebt.

Denn mit den sinkenden Exporten brachen auch die kongolesischen Steuereinnahmen ein. Und all die Bemühungen, den illegalen Abbau von Koltan & Co zu unterbinden, etwa durch komplizierte Zertifizierungsstrategien sauberer Minen, kosten zunächst mal Geld. All der Kontrollaufwand drückt den Gewinn, wie Faustin Serushago erzählt:

„Der Weltmarktpreis passt sich ja nicht an,“ so der Exporteur aus Bukavu, der Provinzhauptstadt von Süd Kivu: „Alle Kosten – die Steuern, Gebühren – finanzieren am Ende die Minenarbeiter.“

Gehen also zu Lasten von Leuten wie Audry Bialura: „In den letzten Monaten konnte ich keinen einzigen Franc an meine Familie schicken.“ Warum hört er nicht einfach auf, wird wieder Farmer? „Nachhause kann ich auch nicht, man würde mich wegen der Schulden sofort verhaften. Außerdem habe ich ja kein Vieh mehr.“

Im Osten des Kongo ruht alle Hoffnung nach wie vor auf dem Abbau der wertvollen Erze. Vor allem Geschäftsleute aus der Stadt kaufen fruchtbare Landflächen auf, lassen diese dann brach liegen, in der Hoffnung, dass dort irgendwann Koltan oder gar Gold entdeckt wird; so wie in der Geschichte von der Kuh, die an einem Hang ausrutschte und so zufällig ein Vorkommen freilegte – eine immer wieder gern beschworene Erfolgsstory aus den Zeiten des Koltan-Booms.

Die aktuelle Tristesse zeigt sich am Wochenende nicht zuletzt in den leeren Bars von Numbi. Wo einst Dreiviertelliterbiere der Marke „Primus“ kaum schnell genug nachgereicht werden konnten, Prostituierte sich auf der Tanzfläche drängten, da starren heute ein paar versprengte Gestalten auf die Übertragung der Premier League, oder suchen gleich ihr Heil im Gottesdienst – strömen am Samstagnachmittag zur Open Air-Veranstaltung der Adventisten. Hoffnung auf ein Leben nach dem eines einsamen Schürfers.

Die ganze Geschichte erinnert etwas an die industrielle Revolution, als bei uns Bauern ihre Scholle aufgaben, um in den Fabriken ihr Glück zu suchen, zu kaum weniger schlimmen Bedingungen als heute in den Minen des Kongo, – aber doch mit der Vision einer Verbesserung, die dann durch Sozialsysteme und Fortschritt teils ja auch verwirklicht wurde.

Audry kann sich nicht mal genug zum Essen kaufen. Vor allem aber treibt ihn die Sorge um die Familie um, seine Frau daheim: hat sie sich bereits einen anderen gesucht? Wer kein Geld schickt, verliert im Kongo schnell an Einfluss.

Und jetzt will auch die EU die Exporte aus Bürgerkriegsregionen begrenzen, dabei stets im Blick die moralische Verantwortung der reichen Industrienationen. Westliche Aktivisten fordern vom westlichen Verbraucher keine „Bluthandys“ mehr zu kaufen. Während lokale NGOs wie OGP genau davor warnen, weil generelle Importverbote die Region nur weiter schwächen würden.

„Wir müssen die Arbeitsbedingungen der Schürfer verbessern. Schulen und Straßen bauen…“ fordert Eric Kajemba von OGP: „Und den illegalen Handel unterbinden.“

Nur wie?

Ein wirksames Werkzeug dafür wird gerade im Hinterzimmer des geologischen Museums in Bukavu entwickelt, mit deutschem Steuergeld, durch die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). Die simple Idee: ein geologischer Fingerabdruck – ähnlich einem Vaterschaftstest, der die Abstammung der Erze bestimmt. Ein kleines Labor, mit großen Möglichkeiten:

Internationale Geologen, wie die Schweizerin Désirée Ruppen entnehmen in den Minen Proben, schicken diese dann aufbereitet ins Hauptlabor nach Hannover, wo die Zusammensetzung mittels Massenspektrometer genau ermittelt werden kann, und damit aus welcher Mine die Probe stammt. Einmal katalogisiert, wird damit jede Lieferung verfolgbar, auch wenn dessen Herkunft vorher verschleiert wurde – dies auch noch in einem aufgebrachten Laster etwa in Uganda oder Burundi. Material aus einer als illegal eingestuften Mine könnte sofort beschlagnahmt werden.

Allerdings müssen Geologen wie Désirée Ruppen dazu zunächst Proben auch in entlegenen, unsicheren Minen nehmen. „Manchmal,“ so Frau Ruppen, „sind wir stundenlang in unwegsamen Gebiet im Regenwalt zu Fuß unterwegs. Natürlich sind wir uns möglicher Gefahren bewusst, ängstlich darf man in diesem Job nicht sein.“

Audry Bialura versteht nichts von wissenschaftlichen Analysen. Gefahr kennt er. Den Unterschied zwischen Minen der Warlords und den offiziellen Minen kennt er auch: „Da gibt es keine Waffengewalt, klar ist das besser!“

Nur, woher er das Geld nehmen soll, um seine Familie zu unterstützen und seine Frau zu halten, das weiß er noch immer nicht.

© Roland Brockmann, 2016

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